Tortour

MY sport Athlet Urs Zimmermann ist als Men Solo an der Tortour gestartet. Wie es ihm bei seinem vierten Start ergangen ist, kannst du in seinem Bericht lesen.

2014 Tortour Challenge : 6. Platz
2016 Tortour Challenge : 1. Platz
2017 Tortour : 4. Platz Overall
2018 Tortour : 3. Platz Overall

Vor der Tortour absolviert er jeweils 800 bis 1000 Trainingsstunden. Erholung von der Arbeit als Lebensmittelingenieur bei der Iowa und den vielen Trainingsstunden, findet Urs bei seiner Katze Loi.

Quelle: @renne_auf_und_ab

Rennbericht Tortour 2018 – Men Solo – 1000km und viele Höhenmeter

Vor dem Start

Es ist Freitag 21:15 Uhr. Ich liege in einem Hotelbett in Schaffhausen und habe die Hoffnung auf ein paar Minuten Schlaf schon längst aufgeben. Während mein Crew Mitglied Thomas neben mir schon während Stunden im Land der Träume weilt, frage ich mich immer wieder, ob dies so eine tolle Idee gewesen war mich für die Tortour Solo anzumelden. Meine Gefühle schwanken zwischen freudiger Erwartung und enorm hohem Respekt vor der kommenden Herausforderung. Ich bin mir unsicher ob die Erfahrungen, welche ich bei meiner letztjährigen Teilnahme mitgenommen habe, mich eher beruhigen oder nervös machen. Ich gehe gedanklich nochmal mein mit Coach Dan Aeschlimann von MY sport erarbeiteten Rennplan Punkt für Punkt durch. Das Mantra artige wiederholen von bereits gut Bekanntem gibt mir Sicherheit und beruhigt. Meine Gedanken werden nur vom regelmässigem Nippen an der Getränkeflasche und dem wiederholten Aufblitzen des Handys unterbrochen. Die Whatsapp Glückwünsche trudeln in rauen Mengen ein und überfordern mich emotional. Ich schalte den Chat ab um fokussiert zu bleiben.

Tortour

Quelle: AlphaFoto (gekauft von Urs Zimmermann)

Endlich geht es los

Wie auch letztes Jahr benötige ich keinen der 3 gestellten Wecker. Um 22.30 Uhr stehe ich auf und beginne mit meinen Vorbereitungsarbeiten. Als ob jemand einen Schalter betätigt hat, sind alle wirren Gedanken und Unsicherheiten verflogen. Es geht aufs Rad, das kenne ich. Um 00:42 Uhr starte ich als Elfter meiner Kategorie auf die erste Flachetappe bis Chur. Die ersten Kilometer sind wie immer hektisch. Einfach zu viele Fahrer auf der Strecke welche alle noch auf der Suche nach «ihrer Renn-pace» sind. Doch mit jedem Kilometer zieht sich die Gruppe auseinander und allmählich komme auch ich in den Rhythmus. Die ersten 180 km bis Chur vergehen wie im Flug und ich sattle auf das Bergrad. Körpergefühl soweit hervorragend und das Sportgetränk und die Gels schmecken auch noch. Mit dem Wissen das sich das leider noch ändern wird, strample ich weiter Richtung Albulapass. Mit der aufgehenden Sonne sehe ich zum ersten Mal meine Konkurrenz und dessen Begleitcrew. Die Stimmung ist freundlich und hilfsbereit. Hier kämpft man primär nicht gegen einander, sondern gegen die Strecke und den eigenen Schweinehund.

Auf- und Ab- und Vorwärts

Kurz vor dem Flüelapass meldete sich dann meine Lunge zum ersten Mal mit wiederholenden Schmerzen in der Brust. «Scheiss Asthma» denke ich und drücke japsend über die Passhöhe. Die Fahrt nach Chur lasse ich gemütlich angehen und fokussiere auf eine gute Erholung.
In Chur angekommen begrüssen mich nebst der neuen Begleitcrew, Bekannte und Verwandte und feuern mich an. Bis auf ein bisschen flaues Gefühl im Magen geht es mir gut und ich hake innerlich die ersten zwei Alpenpässe und 365 km ab. YESSS! Die nächsten Kilometer bis Andermatt verliefen nebst knalligen 34° in Ilanz und einsetzenden Regenschauern Richtung Oberalppass ohne besondere Vorkommnisse. Die Getränke und Gels schmecken aber mittlerweile nicht mehr so gut wie zu Beginn des Rennens, was mir ein bisschen Sorge bereitete. Meine Sorge verstärkte sich, als sich im Aufstieg Richtung Nufenenpass mein Schluckreflex weigerte den Gel runter zu würgen. Ich stellte mir bildlich vor wie die Geschmackssensoren im Mund mit den Muskeln am streiten sind, ob dieser Gel nun gegessen oder wieder ausgespuckt werden soll.

Tortour Solostarter

Quelle: @renne_auf_und_ab

Tortour ist kein kulinarischer Höhenflug

Nach einem kurzen Streitgespräch einigten sich die beiden dann auf ein Stück Kuchen, was mir ermöglicht die Nufenen Passhöhe kurz vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.
Die ganze Strecke durch das Wallis war dann recht zäh. Langsam machte sich eine körperliche und psychische Müdigkeit breit welche schwierig war zu entkommen. Da kam der Crew Wechsel gerade am richtigen Zeitpunkt und ihre Motivation schwappte, zumindest teilweise, zu mir rüber. Motivation ist gut, leider aber nur ein Teil des Ganzen. Nebst einer dicken, schweren Eisenkeule um den inneren «Schweinehunde» niederzuknüppeln, benötigt es auf der Langstrecke einen Gaumen ohne sensorische Ansprüche. Und dieser machte mir vermehrt Probleme. Der Schluck-/Würgereflex hat über den Muskel gesiegt und an eine Gelaufnahme war nicht mehr zu denken. Mit der sinkenden Kohlenhydrataufnahme, sank ebenfalls die Leistung und Müdigkeit machte sich breit. Ich spürte wie die Muskeln mit dem Gehirn um das verbleibende Glykogen kämpften und jede erfolgreiche Nahrungsaufnahme mit einer kurz darauffolgenden Leistungssteigerung quittiert wurde.

Es gibt einige Strategien um Durchzuhalten

«Durchhalten» war das Motto. Ich wusste, ich muss nur den Sonnenaufgang am Samstagmorgen erleben. Dann stehen meine Chancen sehr gut das Ziel zu erreichen. Das Ziel in Schaffhausen war mittlerweile mein Ziel. Gedanken über eine bestimmte Platzierung hatte ich vor dem Rennen natürlich schon gemacht. Während dem Rennen rückt dies jedoch in den Hintergrund. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht wie ich platziert war. Meine einzige Frage an die Crew war; «Vorsprung nach hinten», «Rückstand nach vorne». Und da diese beiden Fragen mit «keine Gefahr / weit weg» beantwortet wurden, stellte ich mich auf eine solide Pace ein. Als dann mit dem Sonnenaufgang die Müdigkeit nicht verschwand, entschied sich die Crew ein paar Hirnaktivitätsübungen durchzuführen. Und so begannen wir über Funk gemeinsam Schweizer Kinderlieder zu singen.

Endlich im Ziel

Und es half! So fuhren wir singend «Det äne am Bergli det stoht e wissi Geiss» Schaffhausen entgegen. Die Gesichter der Passanten, welche einem singenden TT Fahrer im Morgengrauen begegneten, bleiben unvergesslich.
In Schaffhausen angekommen erwarteten mich Freunde und Verwandte. Jubelnd und mit Spruchbänder. Geschafft! Die riesige Freude wird nur noch durch die noch grössere Müdigkeit übertroffen. Nach ein paar ruhigen Minuten und einer Dusche geht’s jedoch schon viel besser und wir fahren zum gemeinsamen Nachtessen, wo wir das Rennen Tortour 2018 ausklingen lassen.

<Tortour

Quelle: AlphaFoto (gekauft von Urs Zimmermann)

Nur noch schlafen

Im Hotel angekommen richte ich meine Zwischenmahlzeiten für die kommende Nacht um einer aufkommenden Hungerrast entgegen zu wirken. Wasser, Gummibärli, Chips, Schoggi und grosse Salzbretzel und ups… da fallen zwei Salzbretzel zu Boden und verteilen sich in 1000 Stücke auf dem Marmorboden. Ich stehe konsterniert und hilflos mitten in Salzbretzeli. Ich müsste nur in die Knie gehen und die Stücke aufheben. Aber, dieser eine Meter zwischen meinen Händen und dem Boden scheint mir weiter weg zu sein wie die 1000 km Kilometer auf dem Rad. So entschliesse ich mich die Putzaktion auf morgen zu verschieben und sinke in mein wohlig weiches Bettchen. Urs

PS: Liebe Crew , lieber Dan Aeschlimann. VIELEN DANK! Ohne euch, undenkbar!

TortourQuelle: AlphaFoto (gekauft von Urs Zimmermann)

Für alle die sich nicht mehr an den Text erinnern können: https://www.swissmom.ch/familie/zusammenleben/familienzeit/kinderliedertexte/det-aene-am-bergli/


Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail